Eine wissenschaftliche Zeitschrift gründen: von der ISSN über die erste Ausgabe bis zur Indexierung
Redaktionsgremien, ISSN-Antrag, erster Call for Papers, Fahrplan zur Indexierung — die Gründung einer begutachteten Zeitschrift mit ihren formalen Schritten und einem realistischen Zeitplan.
Die Idee, eine Zeitschrift zu gründen, entsteht meist aus einer Lücke: In der Fakultät sammeln sich Arbeiten ohne Ort, im Fach fehlt ein begutachtetes Organ in der Landessprache, die Einrichtung braucht für ihre Sichtbarkeit eine regelmäßige Publikation. Der Weg von der Idee zur ersten Ausgabe ist länger als gedacht — und er ist überwiegend institutionell, nicht technisch.
Dieser Leitfaden geht die Gründung einer begutachteten wissenschaftlichen Zeitschrift der Reihe nach durch: welche Entscheidung zuerst fällt, welches Dokument woher kommt, welcher Schritt auf welchen wartet.
Schritt 0: Braucht es wirklich eine neue Zeitschrift?
Diese Frage überspringen Gründungsratgeber. Teuer ist an einer Zeitschrift nicht die Gründung, sondern die Fortsetzung: für jede Ausgabe Beiträge finden, für jeden Beitrag Gutachter, für jeden Gutachter Erinnerungen. In jedem Land gibt es einen langen Schwanz von Zeitschriften, die nach zwei, drei Ausgaben still stehen geblieben sind; keine wurde in schlechter Absicht gegründet, alle sind an derselben Stelle müde geworden.
Rechnen Sie vorher zwei Dinge ehrlich durch. Zulauf: Wie viele qualifizierte Einreichungen erwarten Sie realistisch pro Jahr? Zwei Ausgaben brauchen einen Zulauf von etwa 12–16 Beiträgen. Arbeitszeit: Wer gibt — mit welcher Aufgabenbeschreibung — der Redaktion, den Fachredakteuren und dem Sekretariat diese Stunden? Sind die Antworten schwach, ist ein Themenheft in einer bestehenden Zeitschrift meist die bessere Idee.
Schritt 1: Identität, Impressum und Gremien
Eine Zeitschrift ist eine Publikation, deshalb stehen Träger und Verantwortliche zuerst fest: Herausgeberin (Universität, Fakultät, Institut, Fachgesellschaft), verantwortliche Redaktionsleitung, Chefredaktion. Danach wird die Identität festgehalten:
- Profil und Zielsetzung. Eine Definition so breit wie „Sozialwissenschaften” erschwert die Gutachtersuche und wirkt in der Indexbewertung schwach. Eng beginnen und später weiten ist leichter als umgekehrt.
- Erscheinungsweise. Wie viele Ausgaben pro Jahr? Zwei sind für eine neue Zeitschrift ein vernünftiger Start — und die angekündigte Frequenz einzuhalten, gehört zum Ersten, was Indexgremien prüfen.
- Sprache. Publikationssprache oder -sprachen und die Frage, in welchen Sprachen Abstracts und Metadaten verpflichtend sind.
- Gremien. Redaktionsbeirat, Fachredaktionen, wissenschaftlicher Beirat. Ein Gremium ausschließlich aus einer Einrichtung und einem Fachbereich ist der am häufigsten kritisierte Punkt zur Unabhängigkeit.
Schritt 2: ISSN beantragen
Die ISSN ist die internationale Kennung für fortlaufende Publikationen. Jedes Land hat ein nationales ISSN-Zentrum; in der Türkei liegt die Vergabe beim ISSN-Zentrum Türkiye der Generaldirektion für Bibliotheken und Publikationen des Kultur- und Tourismusministeriums, und sie ist kostenfrei.
Das Verfahren läuft online. Wer zuvor nichts publiziert hat, registriert sich über das Publikationsstandard-System als neuer Herausgeber und füllt anschließend den ISSN-Antrag aus. Druck- und elektronische Fassung erhalten je eine eigene Nummer (e-ISSN).
Eine Bedingung überrascht viele: Für Online-Periodika setzt die ISSN voraus, dass die erste Ausgabe mit mindestens fünf Beiträgen erschienen und für das Zentrum zugänglich ist. Die e-ISSN folgt also praktisch auf die erste Ausgabe — planen Sie entsprechend, denn „erst ISSN, dann Beiträge sammeln” funktioniert nicht.
Die Entsprechungen auf der Buchseite — ISBN, Banderole und Verlegerzertifikat — behandeln wir gesondert in ISBN, Banderole und Verlegerzertifikat.
Schritt 3: Die Richtlinien schreiben
Zeitschriftenrichtlinien müssen vor der ersten Ausgabe geschrieben werden und bleiben immer lückenhaft, wenn sie danach entstehen. Das Minimum:
- Begutachtungsrichtlinie. Modell (meist doppelblind), Zahl der Gutachten, Vorgehen bei Uneinigkeit und eine ehrliche Angabe zur Dauer. Letzteres zählt: Zeitschriften, die wie lange Peer Review dauert auf der eigenen Seite beantworten, beginnen die Beziehung zu Autorinnen und Autoren richtig.
- Open Access und Lizenz. Zugangsmodell und Lizenz (häufig Creative Commons). Zum Modell, in dem weder Autor noch Leser zahlt, siehe Diamond Open Access.
- Gebühren. Wenn Sie erheben, sagen Sie es klar; wenn nicht, ebenso klar. Unklarheit weckt den Verdacht räuberischer Praxis.
- Ethik. Plagiatsprüfung und Schwellenwerte, Beitragserklärungen, Interessenkonflikte, Ethikvotum, Korrektur- und Rückzugsverfahren.
- Archivierung. Wo veröffentlichte Inhalte langfristig liegen.
Schritt 4: Die Infrastruktur wählen
Erst jetzt kommt die technische Entscheidung: Wo läuft der Prozess? Realistisch sind eine nationale Hosting-Plattform, eine eigene OJS-Installation, ein kommerzielles Zeitschriftensystem oder ein Verlagsmanagementsystem, in dem die Zeitschrift Teil des Verlags ist. Stärken und Schwächen haben wir in Zeitschriftenmanagementsystem auswählen verglichen.
Zwei Dinge lohnt es, schon bei der Gründung zu klären. Erstens das Einreichungsformular: Ein Formular, das alles Nötige einsammelt, ohne die Autorenschaft zu ermüden, ist die größte Zeitersparnis des ersten Jahres (ein gutes Einreichungsformular gestalten). Zweitens die Verfahrensaufzeichnung: Liegt Wer-wann-was im System, wird der Indexantrag in zwei Jahren keine archäologische Grabung.
Schritt 5: Erster Call, Gutachterpool, erste Ausgabe
Die erste Ausgabe ist die schwerste einer Zeitschrift: Sie hat noch keinen Ruf und deshalb weder Autoren noch Gutachter.
Die Reihenfolge, die in der Praxis funktioniert: Bauen Sie zuerst den Gutachterpool — ausgehend von den Netzwerken der Gremien reicht eine nach Fachgebiet verschlagwortete Liste von 40–60 Namen für das erste Jahr. Öffnen Sie dann den Call; die erste Ausgabe mit Arbeiten aus dem eigenen Haus zu füllen, ist gängige Praxis, aber halten Sie den Anteil niedrig — der Anteil hauseigener Autorschaft ist eine der Rubriken, die Indexgremien prüfen. Und führen Sie das Verfahren dann wirklich durch: Sind die Gutachten der ersten Ausgabe flüchtig, prägt diese Flüchtigkeit die nächsten drei Jahre.
Warum Gutachter schwerer zu gewinnen sind, haben wir gesondert beschrieben (hier); als neue Zeitschrift rechnen Sie mit einem Vielfachen dieser Schwierigkeit.
Schritt 6: DOI und dauerhafte Adressen
Beiträge brauchen dauerhafte Kennungen; die DOI-Vergabe setzt die Mitgliedschaft bei einer Registrierungsagentur (meist Crossref) voraus und ist kostenpflichtig. Manche Hosting-Infrastrukturen bieten sie den bei ihnen geführten Zeitschriften an.
Unabhängig von der DOI braucht jeder Beitrag eine dauerhafte, indexierbare Seite. Zeitschriften, die nur PDF-Listen veröffentlichen, fallen in Suchmaschinen und Fachindexen systematisch zurück — sind die Metadaten nicht lesbar, existiert der Inhalt nicht.
Schritt 7: Der Fahrplan zur Indexierung
Indexierung ist nicht die Aufgabe der ersten Ausgabe; sie ist eine Aufgabe, auf die man ab der ersten Ausgabe hinarbeitet.
In der Türkei ist das erste Ziel meist TR Dizin. Das Verfahren verlangt Geduld: Zeitschriften mit angenommenem Antrag werden nach einer einjährigen Beobachtungsphase bewertet, bei neu erschienenen Zeitschriften beträgt diese Phase zwei Jahre. Bewertet werden Ihre Aufzeichnungen, nicht Ihre Behauptungen — wo Begutachtungsnachweise in der Antragsakte stehen, haben wir gesondert behandelt. Für die aktuellen Anforderungen gehen Sie direkt zu den Bewertungskriterien von TR Dizin; sie werden periodisch überarbeitet.
Und eine hartnäckige Verwechslung sei wiederholt: Auf einer nationalen Plattform gehostet zu sein, heißt nicht, indexiert zu sein. Hosting-Infrastruktur und Indexbewertung sind zweierlei.
Die drei häufigsten Gründungsfehler
Eine zu ehrgeizige Erscheinungsweise ankündigen. Vier Ausgaben versprechen und zwei liefern ist in jeder Hinsicht schlechter, als zwei zu versprechen und zwei zu liefern.
Die Richtlinien aufschieben. Wer sagt „erst publizieren, Richtlinien später”, rekonstruiert bei der ersten Ethikbeschwerde oder dem ersten Indexantrag zwei Jahre Verfahren aus dem Gedächtnis.
Den Prozess an eine Person binden. Liegt das gesamte Gedächtnis der Zeitschrift im Postfach einer Redakteurin, setzt sich die Zeitschrift an dem Tag zurück, an dem diese Person geht. Das institutionelle Gedächtnis in einem System zu halten, ist der unsichtbarste und folgenreichste Gründungsschritt.
Verlegt Ihre Einrichtung Zeitschriften und Bücher, ist es von Anfang an günstiger, die Gründung zusammen mit dem Verlag insgesamt zu planen. Unser Leitfaden zum Universitätsverlag beschreibt diesen weiteren Rahmen; um Ihren eigenen Gründungszeitplan zu besprechen, fragen Sie eine Demo an.