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Verlagswesen13. Mai 2026 · 5 Min. Lesezeit

Diamond Open Access: das Modell, bei dem weder Autor noch Leser zahlt

Die APC-Rechnungen wachsen — Diamond Open Access ist zurück auf der Bühne. Was das Modell ist, wo es weltweit steht und warum es zum Universitätsverlag passt.

Die Open-Access-Debatte war lange auf eine einzige Frage verengt: “Soll der Leser zahlen oder der Autor?” Das Abonnementmodell stellt die Rechnung dem Leser aus; das verbreitete Gold-Open-Access-Modell reicht sie an den Autor weiter (APC — Article Processing Charge, die Artikelbearbeitungsgebühr). Verlierer beider Modelle ist, wer kein Budget hat.

Einen dritten Weg gab es immer, nur bekam er seinen Namen spät: Diamond Open Access — das Modell, bei dem der Artikel erscheint, ohne dass Autor oder Leser eine Gebühr zahlen, und die Kosten von Institutionen, Konsortien oder öffentlichen Mitteln getragen werden.

Die heutige Lage in Zahlen

Open Access insgesamt ist längst Mainstream: Laut dem Open-Access-Dashboard von STM erschienen 2024 von den weltweit rund 3,9 Millionen Artikeln 40 % im Gold Open Access; 2014 lag der Anteil bei 14 %. Wir sprechen von einem Volumen, das sich in zehn Jahren vervierfacht hat.

Der Motor des Wachstums ist aber das Bezahlmodell. Die Analyse von Digital Science vom April 2025 zeigt: Während die APC-basierte Open-Access-Produktion zwischen 2020 und 2024 von rund 1 Million auf rund 1,4 Millionen Artikel pro Jahr stieg, bewegte sich das Diamond-Modell seitwärts bei etwa 400.000 Artikeln jährlich. Auch die APC-Preise ruhen nicht: Nach Daten von Delta Think stiegen die Listenpreise vollständiger Open-Access-Zeitschriften zum Jahr 2025 im Schnitt um 6,5 %.

Andererseits ist die Stärke des Diamond-Modells größer, als die Volumenstatistik zeigt: Der weitaus größte Teil der Open-Access-Zeitschriften der Welt — besonders in den Sozial- und Geisteswissenschaften und in Regionen, deren Erstsprache nicht Englisch ist — sind kleine, institutionell getragene Zeitschriften ohne APC. Das Modell ist nicht marginal; es ist unsichtbar.

Die Türkei ist längst weitgehend “Diamond”

Das Interessante daran: Das akademische Publizieren der Türkei betreibt, ohne es je so genannt zu haben, eines der größten Diamond-Open-Access-Ökosysteme der Welt. Die große Mehrheit der Tausenden Universitäts- und Fachgesellschaftszeitschriften auf DergiPark (der nationalen Zeitschriftenplattform der Türkei) verlangt von Autoren keine Gebühr, ist für Leser kostenlos, und die Kosten trägt das Budget der Institution. Per Definition: Diamond.

Das passt auch zur Natur des Universitätsverlags. Sein Zweck ist nicht Gewinnmaximierung, sondern die Zirkulation von Wissen; das APC-Modell dagegen siebt junge Forschende und förderarme Fächer aus. Das Diamond-Modell ist die unmittelbarste Anwendung des Prinzips, dass mit öffentlichen Mitteln erzeugtes Wissen öffentlich zugänglich bleiben soll.

Die versteckten Kosten des “Kostenlosen”: der Betrieb

Die Schwachstelle des Diamond-Modells ist weniger die Finanzierung als der Betrieb. Eine Zeitschrift ohne APC-Einnahmen hat auch keine Kaufkraft für professionelle Verlagsdienstleistungen; Prozessmanagement, Satz, Archivierung und Webpräsenz lasten auf den Schultern der Redaktion und einiger Freiwilliger. Wenn ein Grund für die “Seitwärtsbewegung” des Modells fehlende Mittel sind, ist der andere die Unhaltbarkeit dieser unsichtbaren Arbeit.

Daraus folgen zwei praktische Schlüsse:

Erstens: Die Diamond-Zeitschrift ist die Zeitschrift, die effiziente Infrastruktur am nötigsten hat. Wer kein Budget hat, hat auch keine Arbeitsstunden zu verschwenden. Dass Einreichungen, Gutachterverfolgung und Ausgabenproduktion systematisch fließen, ist für reiche Zeitschriften Komfort — für Diamond-Zeitschriften eine Überlebensfrage.

Zweitens: Diamond und Einnahmen schließen einander nicht aus. Derselbe Verlag kann seine Zeitschriften im Diamond-Modell offen halten und seine Bücher verkaufen; ja, vom selben Werk kann die digitale Fassung Open Access sein, während die gedruckte im Verkauf ist. In Nasirus ist diese hybride Konstruktion ein Normalzustand: Eine Zeitschrift kann im Diamond-Modell offen leben, im Shop werden Open-Access-Titel kostenlos angeboten, während gedruckte Editionen verkauft werden, und “Open Access + gedruckter Verkauf” lebt auf einer einzigen Produktseite zusammen. Offenheit ist kein Ideologiewettbewerb, sondern eine Entscheidung, die sich pro Werk treffen lässt.

Drei häufig gestellte Fragen

“Wenn die Einnahmen der Zeitschrift im Diamond-Modell null sind — woher soll die Qualität kommen?” Der Garant der Qualität ist nicht die Einnahme, sondern der Prozess: ernsthafte Begutachtung, wählerische Redaktion, saubere Produktion. Auch in den teuersten APC-Zeitschriften der Welt erscheinen schwache Artikel; auch in der bescheidensten Institutszeitschrift kann tadelloses Peer Review funktionieren. Zwischen Erlösmodell und Sorgfalt der Begutachtung besteht kein zwingender Zusammenhang — der Zusammenhang besteht mit der Prozessdisziplin der Institution.

“Wir nehmen von Autoren keine Gebühren — müssen wir deklarieren, wer die Kosten trägt?” Ja, das sollten Sie — für die Transparenz wie für Indexbewerbungen. Der Satz “Die Zeitschrift wird von der Universität X finanziert; von Autoren werden unter keinem Titel Gebühren erhoben” gehört ins Impressum der Zeitschrift. Diese Erklärung ist die schärfste Grenze, die Sie zwischen sich und räuberische (predatory) Zeitschriften ziehen.

“Wenn wir auf Open Access umstellen — was wird aus den alten Ausgaben?” Ideal ist die rückwirkende Öffnung; aber wenn Ihre Verlagsverträge das nicht zulassen, ist es ebenso legitim, Open Access ab einem Stichtag in die Zukunft zu starten. Entscheidend ist die klare Erklärung, ab welcher Ausgabe Sie unter welcher Lizenz offen sind.

Empfehlung an die Institution: Bringen Sie Ihre Policy zu Papier

Viele Institutionen praktizieren das Diamond-Modell faktisch, deklarieren es aber nirgends. Dabei zahlt sich eine klare, schriftliche Open-Access-Policy — welche Publikationen offen sind, unter welcher Lizenz (welcher aus der CC-Familie), wie archiviert wird — sowohl bei Indexbewerbungen als auch in der internationalen Sichtbarkeit konkret aus. Klein wirkende Details wie das sichtbare Lizenz-Badge auf der Artikelseite sind Seriositätssignale einer Zeitschrift.

Wenn Sie die Open-Access-Konstruktion Ihrer Institution klären möchten — was offen sein soll und was im Verkauf —, sprechen wir darüber. Dass sich die Balance “alles offen, und der Verlag lebt trotzdem” herstellen lässt, dafür haben sich bei uns inzwischen etliche Beispiele angesammelt.

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