Print oder digital? Die Datenlage zum hybriden Modell im Wissenschaftsbuch
Die digitale Revolution wurde vor zwanzig Jahren ausgerufen; Universitätsverlage leben weiter vom Print. Die Daten zeigen kein Entweder-oder, sondern ein Hybrid.
Alle paar Jahre kehrt dieselbe Schlagzeile zurück: „Das gedruckte Buch stirbt.” Und jedes Jahr nehmen die Jahresendzahlen dieselbe Korrektur vor: Es stirbt nicht.
Im wissenschaftlichen Publizieren ist das Bild sogar noch eindeutiger. Die Untersuchung von Ithaka S+R zu Universitätsverlagen zeigt, dass 70–90 % der Monografieerlöse nach wie vor aus dem Printverkauf stammen; der digitale Anteil bewegt sich zwischen 10 und 30 %. In der Türkei sieht das große Bild ähnlich aus: Nach den Banderolendaten von YAYFED — YAYFED ist der Dachverband der türkischen Verlegerverbände, die Banderole das in der Türkei für Bücher vorgeschriebene Hologramm-Siegel gegen Piraterie — wurden 2024 über 413 Millionen Bücher produziert; der Markt für Hörbücher und E-Books wächst zwar rasant, sein Anteil am Gesamtmarkt liegt aber laut den Berichten des Türkischen Verlegerverbands weiterhin unter einem Prozent.
Die Frage lautet also nicht „Wer gewinnt?“. Die richtige Frage ist: „Wie führen wir beides so, dass eines das andere stärkt?”
Die Stärke des Digitalen liegt nicht im Verkauf, sondern im Zugang
Die eigentliche Rolle der digitalen Publikation in der Wissenschaft liegt dort, wo Verkaufszahlen nichts messen: bei Zugang und Sichtbarkeit. Dass das PDF eines Beitrags vom anderen Ende der Welt in Sekunden erreichbar ist, bedeutet Zitationen und Wirkung. Universitätsverlage erleben das selbst: Laut der Open-Access-Umfrage von AUPresses haben 70 % der Verlage bereits Open-Access-Bücher veröffentlicht — doch diese Titel machen weniger als 5 % der neuen Monografieproduktion aus. Experimentiert wird überall; Skalierung gibt es noch nicht.
Legt man diese beiden Befunde nebeneinander, ergibt sich eine kluge Strategie: das Digitale als Sichtbarkeitsmotor, das Gedruckte als Erlösmotor. Die digitale Fassung sei offen oder günstig, damit sie entdeckt wird; Bibliothek, Forscherin und interessierter Leser, die sie entdecken, kaufen die gedruckte. Entgegen der Angst „Open Access tötet den Printverkauf” berichten manche Verlage, dass die offene digitale Version dem Printverkauf als Schaufenster dient.
Die Betriebskosten des Hybrids
Klingt gut — warum macht es dann nicht jeder? Weil das hybride Modell, von Hand geführt, den operativen Aufwand verdoppelt:
- Print- und Digitalausgabe desselben Werks tragen getrennte ISBNs; geraten die Formate durcheinander, verwahrlost der Katalog.
- Print hat Lagerbestand und Versand; digital hat Zugriffsrechte — wer, wie lange, auf wie vielen Geräten?
- Die Preisgestaltung trennt sich: Print 240 TL, E-Book 90 TL, Bundle 280 TL — solche Konstruktionen produzieren auf einer von Hand gepflegten Website laufend Fehler.
- Buchhalterisch verhalten sich die Kosten des Printverkaufs (Papier, Druck) völlig anders als die des Digitalen; auch die Tantiemenberechnung kann sich nach Format aufspalten.
Die meisten Verlage, die die hybride Strategie aufgeben, scheitern nicht am Modell, sondern an dieser operativen Last.
Unser Ansatz war, diese Last dem System zu übergeben. In Nasirus leben Print, E-Book und Bundle desselben Werks unter einem Dach, jedes mit eigener Identität und eigenem Preis. Im Shop wählt die Leserin ihr Format auf einer einzigen Seite; wer digital kauft, findet sein Buch in seiner Bibliothek, wer gedruckt kauft, wartet auf sein Paket. Auch das Hybridprodukt „Open Access + Printverkauf” lebt auf derselben Seite; Buchhaltung und Tantiemen kennen den Formatunterschied von selbst.
Wer kauft? Drei verschiedene Verhaltensmuster
Statt die Formatstrategie abstrakt zu diskutieren, ist es lehrreicher, auf das Verhalten der drei Hauptkäufer des wissenschaftlichen Buchs zu schauen.
Bibliotheken sind institutionelle Käufer und bevorzugen zunehmend den digitalen Zugang — Campuslizenz statt Einzelexemplar, Lizenz statt Regalkosten. Ihre Budgetprozesse verlangen aber Rechnung und förmliche Bestellung; der Ablauf „in den Warenkorb, mit Karte zahlen” passt nicht zur Natur von Bibliothekserwerbungen. Ein Shop, der institutionelle Bestellungen per Überweisung entgegennehmen und ordnungsgemäße Rechnungen stellen kann, ist die Vorbedingung für Bibliotheksverkäufe.
Forschende sind pragmatisch: Für die Literaturrecherche greifen sie zum Digitalen, das Grundlagenwerk ihres Fachs wollen sie gedruckt. Dass dieselbe Person dasselbe Buch erst als E-Book „ausprobiert” und dann die Druckfassung kauft, ist alles andere als selten — genau daher kommt die Logik der Bundle-Preisgestaltung (Print + Digital).
Studierende sind preissensibel. Beim Lehrbuch ist die günstige E-Version der einzige echte Konkurrent des Piraterie-PDFs; das teure Lehrbuch ohne E-Version konkurriert faktisch mit dem Kopierer. Open Access oder ein niedrig bepreistes Digitalangebot vergrößert in dieser Gruppe den Zugang, ohne den Printverkauf so stark zu kannibalisieren wie befürchtet — denn diese Gruppe hat das gedruckte Buch ohnehin nicht gekauft.
Die drei Muster treffen sich in keiner Einheitsstrategie; ihre Gewichte verschieben sich von Werk zu Werk. Diese Vielfalt ist der konkreteste Beleg dafür, dass die Formatentscheidung „pro Buch” fallen muss.
Ein Kompass aus drei Fragen
Für die Formatentscheidung im eigenen Programm bewährt sich dieses Dreierset:
- Wie lang lebt das Werk? Lehrbuch und Nachschlagewerk sind stark im Print; sich schnell aktualisierende Sammelwerke im Digitalen.
- Wer ist die Leserschaft, und wo sitzt sie? Bei wissenschaftlichen Texten mit internationalem Zitationsanspruch ist digitaler Zugang nicht verhandelbar; bei Werken mit lokalem oder bibliophilem Wert liegt Print vorn.
- Was ist das institutionelle Ziel? Steht die Verbreitung von Wissen im Vordergrund: offenes Digital + verkäufliches Print; steht der Erlös im Vordergrund: gestaffelt bepreistes Hybrid.
Die Antworten variieren von Werk zu Werk — und genau deshalb ist die Formatentscheidung ebenso eine Frage der Katalogfähigkeit wie der „Verlagspolitik”. Wenn Ihr Katalog pro Werk keine unterschiedlichen Formatkonstruktionen tragen kann, bleibt die Strategiedebatte Theorie.
Wenn Sie die Shop-Seite des hybriden Katalogs mit Ihren eigenen Büchern sehen möchten, fragen Sie eine Demo an — bringen Sie als Beispiel Ihr meistverkauftes und Ihr meistzitiertes Buch mit; die ideale Konstruktion der beiden ist höchstwahrscheinlich nicht dieselbe.